Ebooks, Print-on-Demand und Digitalisierung: Miefiger Mainstream oder charmante Schlamperei?


Freut euch! Der Ebook-Markt wächst. Bis zur endgültigen Marktdurchdringung vergehen noch Jahre. Das Wachstum wird also lange anhalten. Jetzt schon gibt es ein noch nie dagewesenes Angebot an guten und preiswerten Titeln. Für Selfpublisher und Verlage hat sich eine saftige Spielwiese eröffnet. Oder ein vielversprechendes, kostengünstiges Experimentierfeld, je nach Sichtweise. Durch die Macht der Global Player Google, Amazon, Apple und Facebook ergeben sich interessante Möglichkeiten für alle. Unternehmen wie Thalia bauen tatkräftig ihren Online-Markt aus. Das alles birgt großartige Chancen. Besonders gut ist die Entwicklung für die Konsumenten! Diese haben die Macht, und zwar mehr denn je: Sie bestimmen letztendlich, was am Markt Bestand hat und zu welchen Preisen.

Acht Punkte sind mir inzwischen klar geworden:


1) MASSENMARKT UND NISCHENMARKT SIND BEIDE STARK!


Bestseller sind massentaugliche Ware. Sie sind oft gut und lesenswert. Manchmal aber auch nur miefiger Mainstream, weichgespült und allzu glattgebügelt. Was die ganze Schafherde frisst, weil es halt überall wächst, muss nicht immer ein delikates Gras für den speziellen Gaumen sein.

Die Menschen haben sehr vielfältige Interessen und Vorlieben, denen sie nun in zunehmendem Maße nachgehen können. Das gesamte Internet ist bereits Ausdruck hiervon. Lange genug mussten wir uns mit dem Üblichen und allseits Anerkannten zufriedengeben. Die Zeit der unendlichen Vielfalt ist endlich angebrochen.

Für den Buchmarkt heißt das: Die teuren und risikoreichen Auflagenproduktionen des traditionellen Printmarktes erlaubten es den Buchverlagen bisher kaum, auf spezielle Kundenbedürfnisse einzugehen; und zwar schnell, preisgünstig und gegebenenfalls mit nur kleinen Auflagen. Durch Print-on-Demand und vor allem durch die Ebooks hat sich das geändert.


2) BUCHVERLAGE SIND UND BLEIBEN WICHTIG!

Das bisherige Urheberrecht ist nicht mehr zeitgemäß. Es muss in vielen Punkten modernisiert und dem Internet angepasst werden. Dennoch sollte klar sein, dass der Schutz des geistigen Eigentums bedeutender ist denn je. Wer setzt sich für den Schutz des Urheberrechtes ein? Wer hat die nötige Macht und den Einfluss, um das erfolgreich tun zu können?

Antwort: (Hoffentlich) die großen Verlage! Natürlich handeln sie dabei im Eigeninteresse. Doch das ist egal. Denn jedes Engagement zugunsten eines starken Urheberrechtes nutzt letztendlich allen Urhebern, ob sie nun für Verlage oder im Bereich des Self Publishing arbeiten. Und was gut für die Urheber ist, ist auch gut für die Konsumenten: Nur glückliche Kühe geben gerne und viel Milch!

Die Verlagsbranche sollte jedoch die Fehler der Musikindustrie nicht wiederholen. Besser noch: Sie sollte endlich aus ihnen lernen. Dazu gibt es auf YouTube ein interessantes, erfrischend selbstkritisches Video von Tim Renner, einem der wichtigsten Musikmanager der letzten Jahrzehnte.


3) HOHE QUALITÄT UND GÜNSTIGE PREISE SIND MÖGLICH!

Ebook-Preise werden billiger. Allzu gering ist aber leider manchmal auch der Aufwand der Herstellung. Gerade bei einigen selbstverlegten Romanen der Self-Publisher gibt sich immer noch ein Rechtschreibfehler nach dem anderen die Klinke in die Hand. Zudem erinnert manche Ebook-Konvertierung eher an das Prinzip „Kraut und Rüben“ als an sorgfältige Arbeit. Inhaltliche Gliederungen und eine durch Selbstkritik unterfütterte Professionalität scheinen manche drauflosschreibenden Autorinnen und Autoren nicht zu kennen. Zweifellos kann man bei einigen solcher Fälle von „charmanter Schlamperei“ sprechen.

Positive Beispiele für selbstverlegte Ebooks sind die Bücher von Daniel Morawek. In seinem lesenswerten Blog schreibt er unter anderem über Erfahrungen mit Amazons CreateSpace, dem kostenlosen und attraktiven Angebot für Bücher der Sorte Print-on-Demand.


4) EIN EINHEITLICHER TECHNISCHER STANDARD MUSS HER!

Zur technischen Herstellung beziehungsweise Konvertierung von „Ebooks“, E-Books“ oder gar „eBooks“: Was denn nun eigentlich? Wie wär´s mal mit einem weltweit einheitlichen Standard? Weniger für die Schreibweise der Produktgattung der elektronischen Bücher. Dafür umso mehr für deren technische Umsetzung!

Was inhaltlich vorteilhaft ist, nämlich eine riesige Vielfalt der verschiedenen Themen und Genres, ist auf technischer Seite nervig: Eine Vielfalt der Ebook-Formate braucht niemand wirklich. Warum nur und wie lange noch gibt es Romane in den verschiedensten Dateiformaten wie EPUB, Mobi oder das spezielle Apple-Format für die Ebooks im iBookstore?


5) DRM = DER REINE MIST!

DRM ist absolut nicht kundenfreundlich, um es nochmal gebetsmühlenartig zu wiederholen. Das wissen alle Leserinnen und Leser. Und an diesen sollte sich der ganze Markt mit bestem Service und voller Eingängigkeit richten! „Hartes“ DRM ist Der Reine Mist schlechthin.


6) EBOOK READER WERDEN IMMER BESSER!

Ebook-Reader sind noch zu klobig und unflexibel. Die Lesegeräte entwickeln sich jedoch zügig hin zu immer besseren Produkten. Der Zahn der Zeit wird sie allmählich zurechtstutzen und biegsam, unverwüstlich sowie billiger machen.

Ich habe die Vision von digitalem Papier, erhältlich für ein kleines Taschengeld. Es ist faltbar, wasserdicht und besitzt einen riesigen Speicherplatz. Mit einem Fingerwischen wechseln die einzelnen Seiten in Nanosekunden und zeigen gestochen scharfe Texte. Oder auch schöne 3D-Photos, Animationen und Videoclips. Ist das denn zu viel verlangt?


7) BÜCHER WERDEN FÜR MENSCHEN GEMACHT!

Was für eine unglaubliche Weisheit, nicht wahr? Tatsache ist doch aber: Bücher sind noch immer nicht so, wie es die Menschen gerne hätten. Warum? Muss ich es zum Beispiel akzeptieren, dass die digitale Version eines Buches ebenso teuer ist wie das Print-Produkt?

Dass ein Ebook-Roman so viel wie ein gedruckter Hardcover-Roman kostet, ist ein Witz. Über den haben garantiert noch keine Leserin und kein Leser jemals gelacht. Buchverlage, die an einer solchen Preispolitik festhalten, unterstützen indirekt und ohne es zu wollen die Raubkopierer: Ebook-Piraten und Filesharing-Plattformen.

Immer wieder gibt es auch positive Beispiele. Zum Beispiel gewitzte Autoren, die ihre Ebooks sogar völlig unabhängig von den gängigen Plattformen anbieten. Patrick Hundt ist so einer. Der bekennende digitale Nomade verkauft seine PDFs für Backpacker auf seinem eigenen, immer erfolgreicher werdenden Reiseblog. Und verdient damit das Geld für seine langjährigen Weltreisen.


8) EIN LANGER SCHWANZ KANN VON VORTEIL SEIN!

Es gibt sehr spannende Marktnischen, große und kleine – aber unzählig viele davon! Über das Buch „The long Tail“ von Chris Anderson braucht man keine Worte mehr zu verlieren. Ihr solltet es lesen, wenn ihr es nicht schon getan habt. Es ist spannend und immer noch aktuell, obwohl es schon einige Jahre auf dem Buckel hat.

Einen „long tail“ der anderen Art hat übrigens der schöne schwarze Obinna, Rhino Valentinos Romanfigur aus Sex im alten Rom

 

Der Markt hat angefangen, sich zu verändern. Noch wälzt er sich nur unruhig von der einen auf die andere Seite und kratzt sich am Hintern. Bald schon wird er aber aufwachen, gähnen, sich recken und strecken… Und dann bleibt womöglich kein Stein mehr auf dem anderen für diejenigen, die jetzt noch gemütlich den Kopf in den Sand stecken. Weil sie ja so „bodenständig“ sind.

Bodenständigkeit wird nicht mehr allzu viel nützen, wenn das Erdbeben erst da ist. Heißen wir es also willkommen – auf dass die Erdkruste vibriert! Bereiten wir uns auf den Tanz vor!

 

Mit besten Grüßen
Ralf Stumpp,
autodidaktischer Texter, Illustrator, Grafiker, Fotograf und Kleinverleger